„In Minor Keys“, der Titel der Kunstbiennale, lässt sich musikalisch am besten mit „in Moll“ übersetzen. Gemeint war jedoch keine melancholische Ausstellung, sondern eine Aufmerksamkeit für leisere Stimmen, tiefere Frequenzen und kleine Gesten – ein Gedanke, der überraschend gut zu unserer Art passte, Venedig zu erleben.
Meine Begleitung und ich kamen mit der italienischen Bahn von Mailand nach Venezia Santa Lucia. Die Verbindung ist schnell und komfortabel – sofern Rollstuhlplatz und Einstiegshilfe wirklich bestätigt sind.
In den italienischen Hochgeschwindigkeitszügen Frecciarossa gibt es ausgewiesene Rollstuhlplätze, einen Platz für die Begleitperson und in der Regel ein barrierefreies WC. Die Buchung ist allerdings komplizierter, als die normale Online-Maske vermuten lässt: Dort wird nicht immer eindeutig angezeigt, ob der Rollstuhlplatz verbindlich reserviert ist. Deshalb sollte man sich frühzeitig an den Assistenzdienst Sala Blu wenden und Rollstuhlplatz, Begleitplatz sowie Ein- und Ausstiegshilfe ausdrücklich bestätigen lassen. Die Unterstützung am Bahnhof erfolgt mit einem Hublift oder einer Rampe.
Bei internationalen Verbindungen sollte man zudem nicht davon ausgehen, dass alle Informationen automatisch zwischen den beteiligten Bahngesellschaften weitergegeben werden. Für unsere Rückfahrt Richtung Schweiz mussten Rollstuhlplatz, Ticket und Assistenz zwischen Trenitalia, Sala Blu und der Schweizer Bahn abgestimmt werden. Ticket beziehungsweise Buchungscode und die schriftliche Assistenzbestätigung sollte man griffbereit haben.
Die Vaporetti, also die öffentlichen Wasserbusse Venedigs, sind nicht nur eine Sehenswürdigkeit, sondern das eigentliche öffentliche Verkehrsnetz der Stadt. Wir konnten sie mit meinem Elektrorollstuhl nutzen und fuhren damit zwischen Bahnhof, Giardini, Arsenale und Lido.
Unsere Unterkunft La Bonbonnier lag im Sestiere Castello, einem der Stadtviertel Venedigs, nur wenige Minuten von den Giardini della Biennale entfernt. Diese Lage war fast wichtiger als jedes zusätzliche Ausstattungsmerkmal: wir erreichten die Biennale, mehrere Cafés und Restaurants ohne lange Umwege über Brücken.
Als Alternative gibt es private barrierefreie Wassertaxis mit Rampe oder Hebeplattform. Wir selbst brauchten keines, aber für einen direkten Transfer zur Unterkunft können sie sehr praktisch sein. Sie sind nur in begrenzter Zahl verfügbar und müssen deshalb vorbestellt werden – während der Biennale am besten deutlich im Voraus. Ein gewöhnliches Wassertaxi ist nicht automatisch rollstuhlgerecht.
Noch am Ankunftstag landeten wir im Caffè La Serra, einem Café in einem alten Gewächshaus an der Via Garibaldi. Nach der Zugfahrt war das ein ziemlich perfekter Übergang nach Venedig: viel Grün, eine ruhige Atmosphäre und plötzlich das Gefühl, mitten in der Stadt und gleichzeitig ein wenig außerhalb von ihr zu sitzen.
Der englische Originaltitel „In Minor Keys“ enthält ein Wortspiel, das sich nicht vollständig ins Deutsche übertragen lässt. „Minor keys“ bezeichnet musikalisch Molltonarten. Das Wort „minor“ kann aber auch für das Kleine, Leise, weniger Beachtete oder scheinbar Nebensächliche stehen.
Kuratorin Koyo Kouoh beschrieb diese Molltonarten als Gegenentwurf zu orchestralem Bombast und militärischem Marschtritt. Die Ausstellung sollte auf leise Töne, tiefere Frequenzen, Poesie und Improvisation hören. Nach ihrem frühen Tod wurde das bereits weit entwickelte Projekt von ihrem Team in ihrem Sinne vollendet.
„In Moll“ bedeutete also nicht einfach traurig oder düster. Es ging um eine andere Form der Aufmerksamkeit: weniger Spektakel, mehr genaues Hinhören und Hinsehen.
Darin erkannte ich tatsächlich etwas von unserer Reise wieder. Wir erlebten Venedig nicht hauptsächlich entlang der großen touristischen Achsen. Entscheidend waren die kleineren erreichbaren Bewegungsräume: unser Viertel hinter den Giardini, die Via Garibaldi, einzelne per Vaporetto verbundene Inselbereiche und die kurzen Wege zwischen Unterkunft, Kunst und Cafés.
Die Giardini sind einer der zwei zentralen Ausstellungsorte der Biennale und kein Museum, das man ordentlich von vorne nach hinten abarbeitet. Zwischen dem zentralen Ausstellungspavillon und den Länderpavillons entsteht eher eine kleine Stadt der Kunst: unterschiedliche Architekturen, politische Systeme, ästhetische Sprachen und Vorstellungen davon, was eine Ausstellung überhaupt sein kann.
Wir verbrachten dort große Teile von zwei Tagen. Selbst damit blieb das Gefühl, nur einen Ausschnitt gesehen zu haben.
Die Hauptwege in den Giardini waren für mich gut nutzbar. Bei einzelnen Länderpavillons unterscheiden sich die Zugänge jedoch. Die Biennale veröffentlicht deshalb eine eigene Barrierefreiheitskarte mit zugänglichen Eingängen, Rampen und alternativen Wegen. Auf dem Gelände gibt es außerdem elektrische Transportfahrzeuge für Besucher mit eingeschränkter Mobilität, die nach Verfügbarkeit eingesetzt werden.
Für Pausen lagen das Caffè La Serra und das GIARDIN Food & Art Oasis praktisch vor unserer Haustür. Beide waren für mich gut erreichbar und eigneten sich für Frühstück, Kaffee oder eine längere Unterbrechung. So konnten wir einen Ausstellungstag teilen, ohne aus jeder Pause ein logistisches Projekt zu machen.
Der zweite große Biennale-Ort ist das Arsenale. In dem weitläufigen ehemaligen Werftgelände wurden seit dem Mittelalter Schiffe für die Republik Venedig gebaut. Heute ziehen sich die Ausstellungen durch lange Hallen, hohe Backsteinräume und ehemalige Werkstätten.
Die räumliche Wirkung ist völlig anders als in den Giardini: dort springt man zwischen einzelnen Pavillons und Gärten, hier bewegt man sich durch einen langen zusammenhängenden Strom von Arbeiten. Schon die historischen Hallen sind Teil des Erlebnisses.
Mit dem Rollstuhl waren die Hauptwege für mich nutzbar. Die eigentliche Herausforderung war weniger eine einzelne Schwelle als die enorme Ausdehnung. Ein Arsenale-Tag ist kein kurzer Museumsbesuch. Wer wirklich schauen will, sollte mehrere Stunden reservieren und Pausen einplanen.
Bei Restaurants in Venedig reicht die Frage „Ist der Eingang barrierefrei?“ nicht aus. Ein ebenerdiges Lokal nützt wenig, wenn der einzige Weg dorthin über eine unzugängliche Brücke führt. Entscheidend ist die Kombination aus Vaporetto-Haltestelle, erreichbarem Campo, Eingang und genügend Platz am Tisch.
Rund um Giardini und Via Garibaldi fanden wir mehrere für mich tatsächlich erreichbare Möglichkeiten. Neben Caffè La Serra und GIARDIN waren die Osteria San Isepo und Nevodi praktisch gelegen. Nach unserem Arsenale-Besuch aßen wir im kleinen Al Covino, das für uns ebenfalls erreichbar war.
Für andere Stadtteile hatten wir unter anderem Lineadombra an den Zattere recherchiert, ein modernes venezianisches Restaurant mit Terrasse und ausgewiesenen Informationen zur Rollstuhlzugänglichkeit. Auch Lokale auf der Giudecca oder dem Lido können logistisch einfacher sein, weil sie direkt von einer Vaporetto-Haltestelle oder über flachere Straßen erreichbar sind. Den konkreten Weg sollte man trotzdem vor einer Reservierung prüfen.
Das wichtigste Planungswerkzeug für die Innenstadt ist die Informationsbroschüre mit der „Mappa della Venezia accessibile“ des kommunalen Dienstes Città per tutti, einem kommunalen Informationsangebot zur Barrierefreiheit in Venedig, oft unter dem Stichwort „Venezia per Tutti“ zu finden. Sie zeigt, welche Inselbereiche und Campi von einer Vaporetto-Haltestelle aus ohne Stufen erreichbar sind.
Ein Ziel kann auf der Karte nur wenige hundert Meter entfernt sein und trotzdem hinter mehreren Brücken liegen. Ein scheinbar weiter entfernter Ort kann dagegen per Vaporetto fast problemlos erreichbar sein. Normale Routenplaner verstehen diesen Unterschied oft nicht.
Die Karte ersetzt keine aktuelle Prüfung einzelner Eingänge. Sie ist aber eine sehr gute Grundlage, um Unterkunft, Restaurants und Ausflüge in zusammenhängenden zugänglichen Bereichen zu planen.
Venedig verlangt mit Elektrorollstuhl Vorbereitung. Aber die Barrieren liegen nicht einfach in der Stadt als Ganzes. Sie liegen in einzelnen Brücken, fehlenden Informationen, knappen Transportkapazitäten und falsch gewählten Routen.
Vielleicht war das unsere persönliche Verbindung zu „In Moll“: wir mussten nicht alles sehen und nicht den lautesten, berühmtesten Wegen folgen. Entscheidend waren die leiseren Verbindungen – zwischen Kunst und Alltag, zwischen den Inseln und zwischen technischer Zugänglichkeit und tatsächlicher Teilnahme.
Eindrücke aus den Ausstellungsräumen der Biennale
Hinweis: Erkennbare Markennamen sind willkürlich gewählt und dienen ausdrücklich nicht der Produktplatzierung. Biogen nimmt keinerlei Einfluss auf Umsatzgeschäfte der auf SMAlltalk sporadisch erkennbaren Markenhersteller und es bestehen diesbezüglich keinerlei Erwartungen.
Biogen-294535