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Und irgendwann ist es so weit – man steht mit dem Abi-Zeugnis in der Hand und ist einfach fertig mit der Schule. Aber was jetzt? Wie geht es weiter? Welche beruflichen Möglichkeiten stehen mir mit meiner körperlichen Einschränkung überhaupt zur Verfügung?
All diese Fragen habe ich mir gestellt, als ich vor knapp zwei Jahren die Schule beendet habe.
Aber fangen wir von vorne an: Insgesamt habe ich 14 Jahre die Schulbank gedrückt, was im Verhältnis schon ziemlich lange ist. Mit sechs Jahren wurde ich – wie alle anderen aus meiner Kindergartengruppe – eingeschult.
Ich besuchte einen regulären Kindergarten. Da ich damals noch ziemlich mobil war, war ich zu diesem Zeitpunkt auf keine zusätzliche Hilfe angewiesen. Im Bedarfsfall wurde ich von den Erzieherinnen unterstützt.
Als ich eingeschult werden sollte, war klar, dass ich eine Schulbegleiterin benötigte. Von Beginn an stand fest, dass ich zunächst eine Regelschule besuchen sollte – auch, weil wir auf dem Dorf wohnten und ich dort meinen sozialen Anschluss hatte.
Das Schulgebäude war alles andere als barrierefrei. Dennoch setzten sich viele Menschen dafür ein, dass ich trotz dieser Barrieren dort starten konnte. Es wurde extra eine Rampe gebaut und meine Klasse bekam ihr Klassenzimmer im Erdgeschoss.
Ich würde behaupten, dass ich sehr schöne Erinnerungen an meine ersten beiden Schuljahre habe. Ich wurde in keiner Weise von den anderen Kindern ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil: Sie fanden den Rollstuhl sogar ziemlich cool.
Trotz der schönen Zeit war klar, dass ich in der dritten Klasse die Schule wechseln sollte. Ich hatte häufig Arzttermine und dadurch Probleme, den Stoff nachzuholen.
Meine Mutter entschied, dass ich eine inklusive Schule in München besuchen werde. Die Entscheidung war nicht leicht – meine Freunde waren hier und die neue Schule lag nicht direkt um die Ecke. Andererseits waren dort Kinder in ähnlichen Situationen. Es war barrierefrei, es gab ein Assistenzteam und sogar eine Physiotherapieabteilung. Anfangs war ich traurig, doch mit der Zeit fand ich meinen Anschluss.
Ende der 4. Klasse stand der Übergang auf die weiterführende Schule an. Meine Noten waren nicht besonders herausragend. Für die Realschule hätte es gereicht, doch aufgrund meiner Fehlzeiten entschieden wir uns zunächst für die Mittelschule.
Sie befand sich im gleichen Gebäude, teilweise hatte ich sogar dieselben Lehrkräfte. Außerdem konnte ich mit vielen meiner Freunde den gleichen Weg gehen – ein angenehmer und stressfreier Übergang.
In der 9. Klasse absolvierte ich meinen qualifizierenden Mittelschulabschluss. Für mich war klar, dass ich auf jeden Fall weitermachen wollte.
Ich hatte damals ein klares Ziel: Psychologie studieren. Dafür brauchte ich einen entsprechenden Abschluss. Also hängte ich zwei Jahre im sogenannten „M-Zweig“ an und machte meine Mittlere Reife.
Nach der Mittleren Reife wechselte ich an die Fachoberschule. Für mich war sofort klar, dass ich den sozialen Zweig besuchen möchte.
Die FOS gehörte ebenfalls zur gleichen Schule, dennoch war vieles neu: neue Lehrkräfte, neue Mitschüler, ein neues Umfeld. Auch das Niveau war anfangs eine große Umstellung. Mit der Zeit fand ich mich jedoch immer besser zurecht.
In der 11. Klasse wechselten sich blockweise Schule und Praktikum ab. Ich absolvierte Praktika im Kindergarten, in einem sonderpädagogischen Förderzentrum und in einer Einrichtung für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche.
Sowohl die Suche nach den Praktikumsplätzen als auch die Aufgaben im Praktikum stellten sich einfacher heraus als gedacht. Ich habe viele positive Erfahrungen mitgenommen. Diese Zeit hat mich bestärkt und mir gezeigt, dass Kinder- und Jugendarbeit nicht voraussetzt, körperlich einwandfrei zu funktionieren.
Zwischendurch überlegte ich sogar, Soziale Arbeit zu studieren. Letztlich kehrte ich jedoch zu meinem ursprünglichen Plan zurück.
Ich schloss die 12. Klasse ab und absolvierte erfolgreich meine Fachhochschulreife. Gemeinsam mit einigen aus meiner Klasse entschied ich mich, noch ein weiteres Jahr die Schule zu besuchen. Dieses Jahr verging schnell – mit viel Schulstress, aber auch dem Wunsch, das letzte Jahr mit meinen Freunden zu genießen.
In den Sommerferien organisierte ich alles, damit mein Studienalltag trotz meiner körperlichen Einschränkung funktioniert.
Beim Bezirk stellte ich meine Assistenz auf 24 Stunden um, da mir zu Schulzeiten das interne Assistenzteam zur Verfügung stand. Außerdem organisierte ich einen Lifter und beantragte meine Zeitverlängerung für Prüfungen.
Dann war es so weit: mein erster Uni-Tag. Alles war neu und ich freute mich auf die kommende Zeit.
Doch nach einigen Wochen merkte ich, dass das Studium nicht wirklich das ist, was ich machen möchte. Anfangs wollte ich diesen Gedanken nicht wahrhaben und redete mir ein, dass es am Anfang eben trocken sei. Aber das Gefühl kam immer wieder zurück – und mir wurde klar, dass ich mich damit nicht mein Leben lang beschäftigen möchte.
Diese Erkenntnis warf mich eher zurück, als dass sie mich weiterbrachte. Ich stand wieder bei null und verbrachte Wochen damit, herauszufinden, wohin mein Weg gehen soll.
Mir wurde klar, dass mich der soziale Bereich nicht mehr reizt. Gleichzeitig stieß ich auf Hindernisse, die durch meine Behinderung entstanden – auch wenn sie nicht immer sofort sichtbar waren.
Studiengänge außerhalb von München kamen für mich nicht infrage, da ich mir hier mein Assistenzsystem aufgebaut habe und nur wenige Städte so barrierefrei sind.
Auch mein kurzes Interesse am Innendienst der Polizei zerschlug sich schnell, da in den meisten Abteilungen die klassische Polizeiausbildung Voraussetzung ist – was für mich nicht möglich war.
Neben der Überlegung, eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau zu machen, dachte ich über viele weitere Möglichkeiten nach. Doch nichts überzeugte mich wirklich.
Eine Bekannte meiner Familie brachte mich schließlich auf den Studiengang Tourismusmanagement. Die Vorstellung, mein Hobby mit meinem Beruf zu verbinden und vielleicht im Bereich barrierefreies Reisen etwas zu bewirken, gefiel mir sehr.
Ich bewarb mich – und wurde angenommen. Anders als im ersten Studium machten mir die Inhalte von Anfang an Spaß.
Gerade habe ich mein erstes Semester abgeschlossen und genieße meine Semesterferien.
Auch wenn mein Weg nicht immer geradlinig war und ich oft das Gefühl hatte, wieder von vorne anfangen zu müssen, hat mich jede Erfahrung weitergebracht.
Heute weiß ich, dass es in Ordnung ist, Pläne zu ändern und sich neu zu orientieren. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo und seinen eigenen Weg – auch wenn dieser manchmal mehr Hürden bereithält. Und genau darauf kommt es am Ende an.
Stolz im Rollstuhl und das Abi-Zeugnis in der Hand – ein wichtiger Meilenstein
Gastautorin Liv-Marie,
Jahrgang 2004, SMA Typ II-III
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