Wir leben in einem fantastischen Zeitalter. Dank der Technik ist heute vieles möglich, selbst für uns, die vielleicht gerade mal nur noch einen Finger bewegen können. Ich habe Videos von Menschen gesehen, die andere Gamer in Ego-Shootern komplett nass machen – und dabei alles mit dem Mund steuern. So beeindruckend das auch ist: Für ein paar Stunden Kurzweil möchte ich weder Tausende von Euro in spezielle Controller-Technik investieren noch ein ganzes Semester damit verbringen, deren Bedienung zu erlernen…
Seit meiner Kindheit fasziniert mich alles, was mit Blaulicht zu tun hat. Aufgrund der mit SMA einhergehenden Einschränkungen ist aus meiner eigenen Blaulicht-Karriere zwar nichts geworden, doch zumindest beim Computerspielen kann ich mein Wissen aus unzähligen Stunden Blaulicht-Reportagen einbringen.
Im „Leitstellenspiel“ betreibt man selbst eine Leitstelle und arbeitet Notrufe für Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst ab. Dafür müssen zunächst die entsprechenden Wachen und Fahrzeuge angeschafft werden. Der besondere Reiz: Grundlage für das Einsatzgeschehen sind echte Straßenkarten. Man kann sein Einsatzgebiet also entweder in einer bekannten Metropole oder ganz konkret im eigenen Heimatstädtchen aufbauen.
Alles, was man dafür braucht, ist eine Internetverbindung, ein Browser sowie Tastatur und Maus mit Linksklick. Ob man realistisch spielt – also Blaulicht-Standorte an ihren tatsächlichen Orten nachbaut und mit der realen Ausstattung versieht – oder ob man an der eigenen Adresse eine Feuerwache mit 20 Fahrzeugen, Rettungsdienst-Anbindung und Polizei-Hubschrauber errichtet, bleibt jedem selbst überlassen.
Über die sogenannte Verbandsfunktion kann man sich außerdem online mit anderen Spieler*innen zusammenschließen, um gemeinsam Einsätze abzuarbeiten. Auch die Einsatzhäufigkeit lässt sich individuell einstellen. Man kann also wahlweise ins Schwitzen kommen, weil alle 20 Sekunden das Notruftelefon klingelt, oder alles ganz entspannt angehen, weil erst nach zehn Minuten der nächste Einsatz aufploppt.
Doch egal, wie man das Spiel gestaltet, eine Erkenntnis stellt sich ziemlich schnell ein: Ressourcen sind begrenzt. Wenn ich nur zwei Rettungswagen, aber vier Verletzte habe, müssen diese eben nacheinander ins Krankenhaus gebracht werden. Ein Learning, das sich erstaunlich gut auf das echte Leben übertragen lässt – Stichwort Löffeltheorie.
Weil einer meiner Lieblingsautoren einen Screenshot geteilt hat, in dem eines seiner Bücher Teil dieses Spiels war, habe ich „Tiny Bookshop“ entdeckt. Ein Computerspiel, das ich eigentlich nur mit einem Wort beschreiben kann: gemütlich. Man spielt eine Figur, die in ein beschauliches Küstenörtchen zieht und dort ihren Lebensunterhalt damit verdient, gebrauchte Bücher zu verkaufen.
Das Spiel lässt sich notfalls komplett mit der Maus und der linken Maustaste bedienen und wirkt dabei unglaublich entschleunigend. Die Hauptaufgabe besteht darin, den durchweg freundlichen und entspannten Bewohner*innen des Örtchens die passende Lektüre aus insgesamt sieben Kategorien zu empfehlen. Der Clou dabei: Viele der Bücher gibt es wirklich. Von Klassikern wie Hamlet über bekannte Werke von Stephen King bis hin zu aktuellen Bestsellern wie Red, White & Royal Blue.
Wer kein ausgewiesener Bücherwurm ist, bekommt zu allen Titeln eine kurze Zusammenfassung direkt im Spiel angezeigt. Es gibt wahnsinnig viele liebevolle Details zu entdecken und zu gestalten. Dazu kommen ein paar Side-Quests, die man jederzeit in Ruhe erledigen kann – oder eben auch nicht. Alle Charaktere sind durchweg freundlich und unterstützend, niemand macht Stress. Man kann sich also auch einfach ein paar Runden lang durch diese sehr weltoffene Spielwelt treiben lassen. Neben unterschiedlichen Ethnien, Altersgruppen und Geschlechtsidentitäten begegnet man dort auch regelmäßig Menschen im Rollstuhl. Ganz selbstverständlich und ohne, dass daraus irgendein Thema gemacht wird.
Allein das wäre schon Lektion fürs Leben genug. Doch dieses Spiel hat mir noch etwas anderes gezeigt: Es macht Spaß, Geld zu haben.
Ja, ich weiß – das merkt man eigentlich in jedem Spiel und im echten Leben sowieso. In Tiny Bookshop gibt es dabei aber einen besonderen Aspekt. Man wird von der örtlichen Theatergruppe gefragt, ob man nicht helfen möchte, in mehreren Etappen die nächste Inszenierung auszustatten. Selbst die Deluxe-Variante ist dabei immer noch entspannt bezahlbar. Man kann sein Geld also nicht nur in den eigenen Buchladen investieren, sondern damit auch anderen Menschen helfen.
Für jemanden, der über die Hälfte seines Lebens aufgrund von SMA weder richtig Geld verdienen noch nennenswert etwas ansparen konnte (mehr dazu hier), ist das ein sehr schönes Gefühl – und fürs reale Leben ein echter Mindset-Booster.
Ein Spiel, das bewusst deutlich älter aussieht, als es tatsächlich ist, und trotzdem bis heute unzählige Menschen in seinen Bann zieht, ist „Faster Than Light“, kurz FTL. In diesem Strategiespiel, dessen Handlung im Weltraum angesiedelt ist, steuert man ein Raumschiff samt Besatzung durch acht Level mit verschiedenen Zwischenstopps. Dabei gilt es, textbasierte Abenteuer zu meistern und Echtzeit-Kämpfe mit anderen Raumschiffen zu überstehen. Am Ende muss – natürlich über mehrere Runden hinweg – der Endgegner, das Mutterschiff der Rebellen, besiegt werden. Darauf gilt es, Schiff und Besatzung während des gesamten Spiels bestmöglich vorzubereiten.
Der besondere Reiz dieses Spiels liegt im sogenannten Permadeath-Prinzip. Das bedeutet: Verliert man, ist wirklich alles verloren. Es gibt keine Möglichkeit, frühere Spielstände wiederherzustellen, man muss komplett von vorn beginnen. Nur wenn man das Spiel regulär beendet, wird der aktuelle Stand für den nächsten Start gespeichert. In Kombination mit der Tatsache, dass innerhalb der Level die Zeit abläuft und nie alle Zwischenstopps angesteuert werden können, entsteht eine spürbare Dynamik. Diese wird durch die Echtzeit-Kämpfe zusätzlich verdichtet. Gleichzeitig kann das Spiel jederzeit pausiert werden, um strategische Entscheidungen zu treffen. Das ist zwar stellenweise etwas mühsam, ermöglicht es mir aber – mit meiner aufgrund von SMA eher gemächlichen Reaktionsgeschwindigkeit –, das Spiel wirklich aktiv zu spielen und nicht nur zuzuschauen.
Für die Steuerung sind Tastatur sowie Maus mit Links- und Rechtsklick zwingend notwendig. In FTL komme ich dem immersiven Zustand meiner Freund*innen aus Universitätszeiten, wenn ich beim Zocken als „Beifahrer“ zugeschaut habe, tatsächlich am nächsten – und bin danach manchmal richtig aus der Puste.
Das Learning fürs Leben?
Nimmt man sich die Zeit, seine Besatzung intensiv zu trainieren, erhöht das die Überlebenschancen des eigenen Raumschiffs erheblich. Daran erinnere ich mich seitdem immer wieder, wenn ich meine Assistenzkräfte anleiten muss. Natürlich kostet das Zeit, ist anstrengend und manchmal vielleicht auch ein bisschen nervig. Aber eine gut ausgebildete (Assistenz-)Crew steigert eben die Chancen, heil durch den Weltraum – oder ganz real: durch den Tag – zu kommen.
Screenshot der Sektorkarte in FTL: Routenplanung zwischen Sprungpunkten im Weltraum
Hinweis: Erkennbare Markennamen sind willkürlich gewählt und dienen ausdrücklich nicht der Produktplatzierung. Biogen nimmt keinerlei Einfluss auf Umsatzgeschäfte der auf SMAlltalk sporadisch erkennbaren Markenhersteller und es bestehen diesbezüglich keinerlei Erwartungen.
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