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Meine Erfahrungen mit Facharztbesuchen – zwischen Abwertung und Abhängigkeit

Medizinische Versorgung sollte Sicherheit geben – für viele Menschen mit Behinderung ist sie jedoch von Abwertung, Barrieren und Abhängigkeit geprägt. Hier schildere ich persönliche Erfahrungen mit Facharztbesuchen und zeige auf, warum es sich dabei nicht um Einzelfälle, sondern um struktu-relle Probleme handelt.

 
Ein Wartebereich einer Arztpraxis mit roten Sitzbänken, Holzboden, Pflanzen und Zeitschriften.
Ein Wartebereich einer Arztpraxis mit roten Sitzbänken, Holzboden, Pflanzen und Zeitschriften.

Meine Erfahrungen mit Facharztbesuchen sind durchweg so, wie ich sie meistens auch erwarte – enttäuschend.

Eine Gynäkologin, die mir sinngemäß zu verstehen gab, dass Verhütung für „Menschen wie mich“ nicht relevant sei, war dabei fast noch das Harmloseste. Viele Gynäkolog*innen verweigerten mir sogar das Erstgespräch. Nicht wegen medizinischer Gründe, sondern wegen Vorannahmen über mein Leben.

Eigentlich sollte ich regelmäßig Fachärzt*innen aufsuchen – unter anderem in der Neurologie, der Lungenheilkunde oder der Schmerzsprechstunde. Ich sollte. In der Praxis tue ich es oft nicht. Zu viele schlechte Erfahrungen, zu viel emotionale und organisatorische Kraft, die jeder einzelne Termin kostet.

Gynäkologie: Wenn Hilfe zur Odyssee wird

Nach der Geburt meines Kindes habe ich – nach viel Hin und Her – festgestellt, dass eine frühere Form der Verhütung für mich persönlich über viele Jahre gut funktioniert hatte. Trotzdem wurde mir zunächst eine andere Lösung nahegelegt, die für mich jedoch leider gar nicht funktionierte. Es wurde leider nicht auf meine Wünsche eingegangen und sich auch nicht wirklich dafür interessiert. Schließlich wurde irgendwann behauptet, es gäbe eben keine weiteren Möglichkeiten mehr, sodass ich selbst irgendwann die Reißleine zog und mich nach einer anderen Gynäkologin umschaute. Aber das war gar nicht so einfach.

Erst mit Unterstützung meiner damaligen Hausärztin und nach monatelanger Suche fand ich schließlich eine Gynäkologin, die mich überhaupt aufnahm und bereit war, gemeinsam mit mir eine individuell passende Lösung zu finden.

Was mir in dieser Zeit geholfen hat, nicht aufzugeben? Ganz ehrlich: der verzweifelte Bedarf nach Hilfe.

Barrierefreiheit: Ein Versprechen, das oft nur auf dem Papier existiert

Ich habe mehrere Monate auf einen Termin in einer Facharztpraxis gewartet, die als barrierefrei galt. Empfohlen wurde sie mir von einem Mediziner, der selbst im Rollstuhl sitzt und die Ärztin persönlich kannte.

Vor Ort stellte sich heraus: Der Zugang war nicht barrierefrei. Nach einem winzigen Aufzug folgten Stufen – erst runter, dann wieder hoch. Die erste schaffte ich mit Hilfe meines Mannes, der meine Rampe den weiten Weg bis zur Praxis und durchs ganze Haus trug. Vor der zweiten Stufe war jedoch nicht genug Platz, um die Rampe sicher anzulegen. Dort war dann also für mich Schluss und ich musste feststellen, dass Barrierefreiheit offenbar unterschiedlich definiert wird.

Statt Unterstützung bekam ich leider Vorwürfe. Ich wurde in scharfem Ton gefragt, warum ich den Termin nicht abgesagt hätte… Ich musste also schmerzlich feststellen: viele Arztpraxen sind schlicht nicht barrierefrei. So absurd es klingt, dass medizinische Versorgung für chronisch kranke Menschen oder Menschen mit Behinderung nicht zugänglich ist – es ist eher die Regel als die Ausnahme.

Nicht einmal meine frühere Hausärztin hatte eine barrierefreie Praxis. Sie kam zu mir nach Hause oder behandelte mich im Auto vor der Praxis. Ich habe sogar schon auf dem Gehweg vor einer Praxis Blut abgenommen bekommen.

Schmerzen, die jahrelang niemand hören wollte

Über viele Jahre wurden meine Schmerzen von verschiedenen Fachärzt*innen nicht ernst genommen. Sie begannen bereits in meiner Jugend. Statt Ursachen zu suchen, wurden mir immer wieder Motive unterstellt: Ich wolle Aufmerksamkeit, sei überempfindlich oder hätte psychische Probleme.

Erst viele Jahre später geriet ich an eine Fachperson, die überhaupt in Betracht zog, dass hinter meinen Beschwerden ein eigenständiges Schmerzsyndrom stecken könnte. Die Jahre davor waren geprägt von Bagatellisierung und dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden.

Diese Zeit hat Spuren hinterlassen – körperlich und emotional.

Zahnärztliche Erfahrungen: Zwischen Ausgrenzung und Risiko

Auch die Suche nach einer Zahnarztpraxis war lange Zeit frustrierend. In einer großen, renommierten Praxis wurde mir offen gesagt, man wolle mich nicht weiter behandeln, da ich mich nicht auf den Behandlungsstuhl umsetzen könne und der Zeitaufwand zu hoch sei.

Eine andere Praxis vergab Termine ausschließlich vormittags. Aufgrund meiner damaligen Situation war das oft kaum zu schaffen. Trotz vorheriger Hinweise kam ich einmal wenige Minuten zu spät – wurde dafür heftig angegangen und anschließend für weitere Termine gesperrt.

Besonders belastend war eine Behandlung, bei der meine bekannten Unverträglichkeiten nicht ausreichend berücksichtigt wurden, obwohl sie mehrfach thematisiert worden waren. Die Folgen waren für mich gravierend. Verantwortung wurde dafür nicht übernommen.

Heute habe ich zum Glück eine Zahnärztin gefunden, bei der ich mich ernst genommen fühle. Sie nimmt sich Zeit, hört zu und sieht mich nicht als Belastung, nur weil ich Pausen brauche oder länger Zeit in Anspruch nehme. Sie sieht sich als Dienstleisterin und das hilft sehr. Außerdem hat sie selbst eine langwierige Patientengeschichte hinter sich.

Vorbereitung, Strategien und emotionale Nachwirkungen

Heute versuche ich, Facharzttermine so gut wie möglich vorzubereiten: eine passende Tageszeit, kein Zeitdruck, etwas gegessen haben, bequeme Kleidung. Mehr Einfluss habe ich oft nicht.

Dann muss die Praxis wirklich barrierefrei sein. Anschließend kommt es darauf an, um welchen Fachbereich es geht und wie wichtig oder unangenehm mir der Termin ist. Am besten ist es, wenn die Praxis eine Empfehlung von Menschen ist, die meine Situation gut kennen. Abwertende Kommentare versuche ich sachlich zu kontern. Aber danach sitze ich häufig im Auto – fluchend oder weinend. Je nachdem, ob mich die Ignoranz mehr wütend macht oder verletzt.

Bei der Suche nach neuen Praxen rufe ich in der Regel vorher an oder schreibe E-Mails, erkläre meine Situation und stelle konkrete Fragen. Wenn bereits am Telefon kein Interesse oder keine Zeit da ist, weiß ich: Das wird nichts.

Strukturelle Probleme statt Einzelfälle

Meine Erfahrungen sind keine Einzelfälle. Dahinter stehen strukturelle Probleme. Menschen mit Behinderung sind es der Gesellschaft offenbar noch immer nicht wert. Ärzt*innen sind überlastet, haben wenig Zeit und oft wenig Wissen über Behinderungen. Dieses Unwissen wird nicht selten von Arroganz überdeckt.

Fehler werden als „kann ja mal passieren“ abgetan. Es gibt kaum Aufarbeitung, kein Lernen, keine Entschuldigung.

Was sich ändern müsste? Zuerst: Jede Arztpraxis muss verpflichtend stufenlos zugänglich sein und über eine geeignete Toilette verfügen. Danach müssen wir über realistische Terminplanung und Wartezeiten sprechen. Ich habe schon Termine abbrechen müssen, weil meine Assistenz Feierabend hatte.

Warum ich trotzdem weitergehe – und laut bleibe

Was mir geholfen hat, nach all dem wieder Vertrauen in Ärzt*innen zu fassen? Ehrlich gesagt: bisher nichts. Aber das Leben geht weiter – und medizinische Versorgung komplett zu meiden ist keine Option.

Was ich anderen mitgeben möchte, die ähnliche Kämpfe führen: Nur wenn wir laut sind, nur wenn wir kämpfen, wird sich langfristig etwas ändern. Jede Person im medizinischen System, der wir die Augen öffnen, kann es in Zukunft für andere ein Stück besser machen. Und genau deshalb erzähle ich diese Geschichte.


Gastautorin Alina,
Jahrgang 1991, SMA Typ III

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