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Mein Traum vom selbstbestimmten Wohnen – Vom Wohnheim in ein selbstbestimmtes Leben

Fast 20 Jahre habe ich im Wohnheim gelebt, doch meinen Traum von einer eigenen Wohnung gab ich nie auf. Heute lebe ich mit persönlicher Assistenz selbstbestimmt und gestalte meinen Alltag nach meinen eigenen Vorstellungen.

 
Lys sitzt in ihrem E-Rollstuhl vor einem Spiegel in ihrem Zimmer
Lys sitzt in ihrem E-Rollstuhl vor einem Spiegel in ihrem Zimmer

Mein Wunsch nach einem eigenen Zuhause

Fast 20 Jahre meines Lebens habe ich in einem Wohnheim für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gelebt. Für mich persönlich war diese Zeit sehr herausfordernd. Schon früh spürte ich, dass ich mir mehr Selbstbestimmung und Freiraum wünschte. Mit den Jahren wurde dieser Wunsch immer stärker. Ich träumte davon, eines Tages in meiner eigenen Wohnung zu leben, selbst Entscheidungen zu treffen und mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu gestalten.

Während meiner KV-Ausbildung (Kaufmännische Ausbildung in der Schweiz) hörte ich zum ersten Mal bewusst vom Assistenzmodell in der Schweiz. Für mich war schnell klar: Das ist mein Ziel. Trotzdem wollte ich zuerst meine Ausbildung abschließen und mir eine gute Grundlage schaffen. Nach der Ausbildung wagte ich den ersten Schritt in die Selbstständigkeit.

Der erste Schritt in die eigene Wohnung

Mein erster Versuch führte mich nach Schaffhausen in der Schweiz. Mit Unterstützung einer Assistenzberatung baute ich mein erstes kleines Assistenzteam auf und zog in meine eigene Wohnung. Leider lief nicht alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die bewilligten Assistenzstunden reichten damals nicht aus, um meinen Alltag langfristig abzudecken. Gleichzeitig schritt meine Erkrankung weiter voran und auch gesundheitlich wurde vieles schwieriger. Schweren Herzens musste ich zurück in ein Wohnheim ziehen.

Ein Rückschlag, aber kein Aufgeben

Das war ein schmerzhafter Rückschlag. Trotzdem habe ich meinen Traum nie aufgegeben. Für mich stand fest: Ich werde es noch einmal versuchen.

Während eines Wohntrainings bereitete ich mich Schritt für Schritt auf meinen zweiten Anlauf vor. Ich besuchte Beratungen und Weiterbildungen rund um das Thema persönliche Assistenz und lernte immer mehr darüber, welche Verantwortung als Arbeitgeberin auf mich zukommen würde. Rückblickend war diese Vorbereitung unglaublich wertvoll.

Gut vorbereitet für den zweiten Versuch

Der zweite Anlauf war trotzdem alles andere als einfach. Diesmal wusste ich zwar besser, was auf mich zukommt, dennoch musste ich vieles neu organisieren. Der größte Unterschied war, dass ich nun nicht mehr nur Unterstützung brauchte, sondern selbst Arbeitgeberin wurde.

Besonders herausfordernd war für mich diese neue Rolle. Im ersten Anlauf wurden viele organisatorische Aufgaben noch von meiner Beiständin übernommen. Nun musste ich plötzlich selbst Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und lernen, ein Team zu führen.

Selbstbestimmung bedeutet auch Verantwortung

Selbstbestimmung war genau das, was ich mir immer gewünscht hatte – gleichzeitig musste ich aber erst lernen, damit umzugehen. Nach so vielen Jahren im Heim war ich es nicht gewohnt, dass plötzlich ich diejenige war, die entschied, organisierte und den Überblick behielt. Das brauchte Zeit, Geduld und auch den Mut, Fehler machen zu dürfen.

Auch der Aufbau meines Assistenzteams war eine große Aufgabe. Ich führte Bewerbungsgespräche, lernte neue Menschen kennen und musste entscheiden, wer in mein Team passte. Viele Gespräche fanden per Zoom statt, weil ich inzwischen in den Kanton Bern gezogen war.

Mein eigenes Assistenzteam entsteht

Gleichzeitig musste ich neue Assistenzpersonen selbst einarbeiten – etwas, das ich vorher noch nie gemacht hatte.

Neben dem Teamaufbau warteten unzählige organisatorische Aufgaben auf mich. Formulare mussten ausgefüllt, Abklärungen mit der Invalidenversicherung getroffen und finanzielle Fragen geklärt werden. Der Wechsel vom Wohnheim in eine eigene Wohnung bedeutete nicht einfach nur einen Umzug – es war ein kompletter Neustart. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass mit jeder erledigten Aufgabe gleich zwei neue dazukamen.

Unterstützung auf einem herausfordernden Weg

Zum Glück war ich auf diesem Weg nicht allein. Die Assistenzberatung unterstützte mich mit wertvollen Tipps und Weiterbildungen. Vor allem aber war mein Mann immer an meiner Seite. Er hat mich motiviert, an mich geglaubt und mich immer wieder daran erinnert, warum ich diesen Weg überhaupt eingeschlagen habe.

Den Moment, in dem ich zum ersten Mal in meiner eigenen Wohnung stand, werde ich nie vergessen. Es fühlte sich fast unwirklich an. Jahrelang hatte ich von diesem Augenblick geträumt – und plötzlich war er da.

Endlich angekommen

Ich saß in meinen eigenen vier Wänden und konnte kaum glauben, dass es wirklich mein Zuhause war.

Ich war überglücklich. Es fühlte sich ein bisschen an wie Schmetterlinge im Bauch – dieses Gefühl, wenn man frisch verliebt ist. Nur war ich in diesem Moment in mein neues Leben verliebt. Gleichzeitig war alles so surreal, dass ich es gar nicht richtig realisieren konnte.

Tagsüber war noch viel los. Menschen, die mich beim Umzug unterstützt hatten, halfen beim Einrichten der Wohnung. Gemeinsam stießen wir auf diesen besonderen Meilenstein an und aßen noch eine Kleinigkeit zusammen.

Der Abend, an dem mein Traum Wirklichkeit wurde

Als es am Abend langsam ruhig wurde und alle gegangen waren, kehrte zum ersten Mal Stille ein. In diesem Moment wurde mir bewusst: Ich habe es wirklich geschafft.

In meiner ersten Nacht war mein Mann bei mir. Dass wir diesen besonderen Moment gemeinsam erleben durften, bedeutet mir bis heute unglaublich viel. Immer wieder schauten wir uns in der Wohnung um und konnten kaum glauben, dass dieser Traum endlich Wirklichkeit geworden war.

Heute gestalte ich mein Leben selbst

Heute lebe ich seit drei Jahren mit persönlicher Assistenz und habe ein Assistenzteam mit 17 engagierten Assistenzpersonen aufgebaut. Nicht alle arbeiten gleichzeitig, aber gemeinsam ermöglichen sie mir ein selbstbestimmtes Leben.

Ich organisiere Dienstpläne, führe Bewerbungsgespräche, arbeite neue Mitarbeitende ein und trage Verantwortung für mein Team. Wenn ich daran denke, wie unsicher ich am Anfang war, macht mich das heute ein bisschen stolz.

Natürlich gibt es auch heute noch Herausforderungen. Kurzfristige Ausfälle, Organisation und Verantwortung gehören zu meinem Alltag. Trotzdem würde ich diesen Weg jederzeit wieder gehen.

Persönliche Assistenz schenkt mir Freiheit

Persönliche Assistenz bedeutet für mich weit mehr als Unterstützung im Alltag. Sie bedeutet Freiheit. Sie bedeutet Selbstbestimmung. Und sie hat mir ermöglicht, mein eigenes Zuhause aufzubauen, meinen Mann zu heiraten und das Leben zu führen, von dem ich so viele Jahre geträumt habe.

Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich: Der Weg war nicht einfach. Es gab Rückschläge, Zweifel und Momente, in denen ich am liebsten aufgegeben hätte. Aber jeder einzelne Schritt hat sich gelohnt.

Manche Träume brauchen etwas länger

Manchmal braucht ein Traum einfach etwas länger – doch wenn man an ihn glaubt und bereit ist, dafür zu kämpfen, kann er Wirklichkeit werden.

Lys und ihr Ehemann stehen in einer Wohnung und blicken freundlich in die Kamera
Lys und ihr Ehemann stehen in einer Wohnung und blicken freundlich in die Kamera

Lys und ihr Ehemann in ihrer Wohnung.


Lys, Jahrgang 1996, SMA Typ III

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