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Landkarte statt Checkliste – Meine Kerala-Reise – Eine Reise, die meine Sicht auf Barrierefreiheit verändert hat

So wie ich Reisen mit SMA gelernt habe neu zu denken, hat auch Kerala meinen Blick auf Barriere-freiheit verändert.

 
Christian lächelt aus seinem Rollstuhl in die Kamera und trägt dabei ein lilafarbenes Hemd.
Christian lächelt aus seinem Rollstuhl in die Kamera und trägt dabei ein lilafarbenes Hemd.

Reisen mit Spinaler Muskelatrophie (SMA) ist für mich kein „trotzdem“, sondern eine Frage von Vorbereitung und pragmatischen Lösungen. Der wunderschöne Bundesstaat Kerala in Indien hat mir gezeigt, was unterwegs wirklich zählt.

Unsere Indien-Route: Fort Kochi (Kochi Muziris Biennale), Munnar, Backwaters (eine Nacht im Hausboot), Alappuzha, Kollam, Trivandrum – und am Ende per Bahn zurück nach Kochi.

Video: Biogen-288810

In diesem Video nehme ich euch mit auf meine Kerala‑Reise durch Südindien.

Ankommen und kalibrieren

Fort Kochi war bewusst gewählt – wegen der Biennale. Ich wollte sehen, ob Barrierefreiheit dort praktisch mitgedacht wird. Gleich am Anfang kam der Realitätscheck: Gehwege sind nicht verlässlich. Mal da, mal weg, mal zugeparkt. Unser Plan war deshalb klar: Wenn der Bürgersteig endet, rolle ich am Rand der Straße weiter – ruhig, sichtbar, entschlossen.

Die Biennale selbst war überraschend gut organisiert. Viele Orte waren über Rampen erreichbar, Wege wurden erklärt, und die Veranstalter*innen wirkten vorbereitet. Nicht perfekt, aber ernsthaft barrierebewusst.

Wenn Wege plötzlich abbrechen

In Munnar wurde die Landschaft großartig – und die Infrastruktur wechselhaft. Ich habe mir bewusst ruhige, befestigte Wege entlang der Teeplantagen gesucht. Landschaft als Weg, nicht als Hürde. Dann kam der Nationalpark. „Differently abled friendly“ stand auf der Website, per E‑Mail wurde es bestätigt. Vor Ort stellte sich heraus: Der obligatorische Shuttlebus war für meinen Elektrorollstuhl nicht nutzbar. Technisch ging das Einsteigen nicht.

Am Ende durften wir ein Golfkart nutzen. Mein Rollstuhl passte nicht drauf – also haben wir improvisiert und meine Sitzschale auf den Sitz gesetzt. Für Menschen, die umsetzen können, ist so etwas oft okay. Für einen schweren Elektrorollstuhl bleibt es eine Notlösung.

Viele Menschen sind extrem hilfsbereit und glauben, man kann mit genug Muskelkraft alles lösen. Gewicht und Bauweise eines Elektrorollstuhls werden dabei schnell unterschätzt – solche Geräte sind dort vielerorts ungewohnt. Da helfen Flexibilität, Pragmatismus und Resilienz.

Mein Learning: Bei „barrierefrei“ immer konkret nachfragen. Was genau ist gemeint?

Planung ist Gestaltung

Ich plane Reisen inzwischen wie ein kreatives Projekt: erst suchen, dann testen, dann nachjustieren. Künstliche Intelligenz (KI) hilft mir, in unbekanntem Terrain gute Orte und Wege zu finden. Danach prüfe ich pragmatisch nach: Fotos, Bewertungen, Satellitenansicht, im Zweifel eine Nachricht an die Unterkunft.

Ein weiteres Learning: Meine „Stadtzentrum-Strategie“ funktionierte in Indien kaum. Viele Städte sind laut, der Verkehr ist intensiv und auch Gerüche und Enge können schnell stressen. Auf dem Land war es oft einfacher, weil weniger Verkehr unterwegs war.

Beim nächsten Mal würde ich eher gute Hotels oder Resorts außerhalb der Zentren wählen – mit Ausnahmen wie Fort Kochi oder einzelnen ruhigeren Ecken in Trivandrum. Wichtig ist: vorher wirklich prüfen. Und ja: Wir sind oft als Tagesgäste in schöne Resorts gegangen. Pool, Ruhe, Dinner im Floating Restaurant in den Backwaters oder Startpunkt fürs Hausboot. Das war kein „Luxus-Ausweichen“, sondern eine praktische Insel.

Wasser als Bühne

In den Backwaters wurde vieles leichter: Wasser ist flach, weit und langsam. Keine Bordsteine, keine Steigungen, keine räumliche Enge.

Die Nacht auf dem Hausboot war mein Highlight. Leises Tuckern, Wasser am Rumpf, warmes Licht auf dem Deck. Ich musste nichts planen, nichts ausweichen, nichts verhandeln. Einfach da sein. Fort Kochi und die Backwaters waren für mich zwei Beweise aus unterschiedlichen Welten: Wenn Räume uns nicht dauernd stoppen, entsteht Teilhabe fast selbstverständlich.

Unterwegs als Team

Für lange Strecken hatten wir einen Van mit Fahrer: einen „Tempo Traveller“. Ich hatte vorab organisiert, dass die letzte Rückbank ausgebaut wird und wir hatten eigene Rampen dabei. Der Einstieg ist mit rund 60 cm hoch, die Rampe entsprechend steil – für mich machbar, aber nicht ohne Übung.

Es gibt auch Anbieter mit umgebauten Fahrzeugen und Hublift. In unserem Fall hätte das Fahrzeug aus Tamil Nadu anreisen müssen, die Tagessätze waren hoch. Unsere Lösung war flexibler und deutlich günstiger.

Der Fahrer war mehr als Transport: vorfahren, checken, anhalten, ruhig bleiben. Das ist Assistenz im besten Sinne: Ich entscheide, und die Umgebung wird verhandelbar. Für die letzte Etappe sind wir von Trivandrum zurück nach Kochi mit der Bahn. Statt rund acht Stunden Auto für etwa 180 km nahmen wir einen modernen, barrierefreien Zug (ca. 2,5 Stunden). Aber Achtung: Der Zug kann barrierefrei sein, während Abläufe es nicht sind. Mitarbeitende kennen Equipment und Prozesse nicht immer, und es ist nicht garantiert, dass der Zug an einem stufenlos erreichbaren Bahnsteig hält. Außerdem gibt es ein Wartelisten-System für Tickets – früh buchen hilft. Wir hatten den Van als Plan B – und am Ende hat alles funktioniert.

Was ich mitnehme

Zum Schluss noch etwas, das mir wichtig ist: Ich will keine Heldengeschichte erzählen. Nicht „trotz“, nicht „gegen alle Widrigkeiten“. Ich will Erfahrungen teilen – und Mut machen zur eigenen Lösung. Nicht warten, bis perfekte Barrierefreiheit geliefert wird, sondern nachfragen, testen und notfalls improvisieren.

Reisen mit SMA heißt für mich nicht risikofrei reisen, sondern vorbereitet reisen. Geht raus, wenn Ihr könnt. Plant klug. Sprecht klar. Und teilt Eure Lösungen – nicht als Trophäen, sondern als Werkzeug für andere.


Gastautor Christian,
Jahrgang 1975, SMA Typ II

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