Perspektivwechsel: Alltagsassistenz – Teil 1 – Mein Beruf als Alltagsassistentin

Ich arbeite hauptberuflich eigentlich in einer Klinik. Vor vier Jahren bin ich dann aber zur „Alltagsassistenz“ gekommen. Bei diesem 450-Euro-Job mache ich nun also zusätzlich vier bis fünf 8-Stunden-Dienste im Monat.

 
Wäscheklammern halten Wäsche an einem Wäscheständer.
Wäscheklammern halten Wäsche an einem Wäscheständer.

Meine aktuelle berufliche Situation

Eine langjährige Freundin von mir hatte mich damals gefragt, ob ich nicht Lust hätte, im Team ihrer Klientin mit einzusteigen. Sie hat dort schon über 10 Jahre gearbeitet und über die Jahre immer wieder so von ihrem Job geschwärmt, dass ich nicht nein sagen konnte. ;-)

Und was soll ich sagen? Ich war total begeistert von Anfang an und habe diese Entscheidung bis heute nicht bereut! Die Tätigkeit ist für mich eine absolute Bereicherung. Und das liegt nicht zuletzt an meiner Klientin und ihrer großartigen Persönlichkeit! Denn es macht einfach unheimlich viel Spaß, sich mit ihr zu unterhalten.

Mein beruflicher Hintergrund

Ich bin gelernte Krankenpflegehelferin und wollte ursprünglich noch eine Ausbildung als Krankenschwester anhängen. Mein Beruf hat mir dann aber schon so gut gefallen, dass ich das nicht mehr getan – aber auch nie bereut – habe. Mittlerweile bin ich schon fast 30 Jahre im Hospital.

Ich habe zuvor noch nebenbei in einem Pflegedienst gearbeitet, aber dieser wurde aufgelöst. Ich hätte dann im Pflegeheim arbeiten können, aber das wollte ich nicht. Zwar kann ich sehr gut mit älteren Menschen umgehen und arbeiten, aber auf Dauer ist es dann doch körperlich zu viel für mich. Zumal ich ja auch noch hauptberuflich in einer Klinik in der Unfallchirurgie arbeite. Beides zusammen wäre für mich zu anstrengend geworden. In meinem jetzigen Assistenzjob ist dagegen kaum eigentliche Pflege mit dabei, sondern es handelt sich eher um Alltagsassistenz.

Über Umwege zur Alltagspflege

Ursprünglich wollte ich als Kind immer etwas mit Tieren machen. Eine Zeitlang war mein Traumjob Pferdewirtin. Aber in der Großstadt war das schwierig. Da hätte ich zwar mit Mäusen, Hamstern, Hunden und Katzen arbeiten können, aber ich wollte eher in einen Tierpark oder Zoo. Damals gab es aber nicht so gute Verbindungen zu anderen Städten. Frankfurt war für mich gefühlt am anderen Ende der Welt und ich war zudem noch wahnsinnig schüchtern. Da habe ich mir das Ganze nicht zugetraut. In der Hauptschule haben mich meine Lehrer aufgrund meiner guten Noten dann ermutigt weiterzumachen. Deshalb habe ich mich schließlich für eine weiterführende Schule entschieden: die medizinisch-technische Berufsschule. Da habe ich meine Freundin kennengelernt, die mich im Laufe meines Lebens immer wieder in meiner Berufswahl beraten und unterstützt hat.

Sie hat im Krankenhaus eine Ausbildung zur Krankenpflegerin gemacht und war hellauf begeistert und so habe ich dort auch angefangen. Nachdem ich dann mein Kind bekommen habe, hat mir eine Frau im Spielkreis von ihrem Beruf in einem Heim für schwerstbehinderte Kinder berichtet und so habe ich dort angefangen. Am Anfang war ich sehr motiviert und wollte etwas bewegen, aber nach einem Jahr habe ich gemerkt, dass ich immer ängstlicher meinem eigenen Sohn gegenüber wurde – beispielsweise, wenn er Fieber hatte. Schließlich hatten nicht alle Kinder von Geburt an eine Behinderung. Deswegen musste ich dort aufhören und wieder kam meine Freundin ins Spiel, die derzeit in einer orthopädischen Klinik tätig war. Meine Freundin wusste im Gegensatz zu mir schon immer, wo ihr Weg hin geht, und hat so auch meinen mit geprägt. Sie war der Meinung, im Krankenhaus und dem anderen Umfeld werde ich wieder aufblühen. Als mein Kind dann drei Jahre alt war, bin ich so wieder in den Klinikalltag gerutscht und habe gemerkt: Das ist mein Ding! Jetzt bin ich fast 30 Jahre in diesem Beruf. Und meine Freundin war es auch, die mich letztendlich zu meiner SMA-Patientin gebracht hat, bei der ich nun ja noch zusätzlich arbeite.

Dabei unterstütze ich im Alltag…

Meine Aufgaben sind zum Beispiel Kochen oder Wäsche waschen und aufhängen – wobei es auch noch separat eine Haushaltshilfe gibt.  Auch das Versorgen von Haustieren kann in den Aufgabenbereich fallen. Aktuell hat sie eine Katze und davor waren es zwei Kanarienvögel. Sie hat damals immer sehr drauf geachtet, dass alles sauber ist. Und auch bei der Katze achtet sie sehr auf die entsprechende Sauberkeit. Natürlich ist das mit fremden Haustieren nicht immer einfach. Der Käfig für die Vögel war beispielsweise riesengroß und ich bin sehr klein – das konnte schon sehr anstrengend werden. Die Wohnung war damals extra für die Vögel hergerichtet: Es wurden Netze gespannt und Fliegengitter angebracht und sie hat da sehr auf die Sicherheit geachtet. Schließlich kann sie die Tiere ja nicht einfangen, wenn mal was ist. Ohne Assistenz, die da auch wirklich mitspielt, wäre es also gar nicht möglich, als SMA-Patientin Tiere zu halten. So mache ich beispielsweise auch die Tierarztbesuche, da ich ein Auto besitze. Außerdem erledige ich Besorgungen wie Katzenstreu kaufen, Pakete wegbringen, Müll mal rausbringen, wenn ich gekocht habe, Dinge umräumen, mal in den Keller gehen und so weiter. Da sie zum Beispiel auch sehr gerne liest, helfe ich beim Aussortieren der Bücher und dann dem Weiterverkaufen online. Ab und zu springt man auch mal für die Haushaltshilfe ein. Ich begleite sie auch, wenn sie zum Arzt oder zum Impfen muss und gehe auch mal mit ihr zum Pflanzen kaufen oder ins Kino. Dann befülle ich zum Beispiel auch den Kaffeevollautomaten, räume mal Küchenschränke oder den Kühlschrank aus, helfe beim Toilettengang mit dem Lifter und bereite das Abendbrot zu. Das sind lauter so Kleinigkeiten, die eine Alltagsassistenz leistet, die in der Summe aber ziemlich zeitaufwändig werden. Insgesamt ist es aber ein unglaublich spannender und vielfältiger Beruf, bei dem einem garantiert nie langweilig wird ;-)

Nach dem Abendbrot hat meine Klientin dann auch mal Zeit für sich und das ist auch sehr gut und wichtig. Schließlich wird sie schon morgens aus dem Bett geholt, muss dann arbeiten, hat eine Haushaltshilfe da und dann uns Assistenten. Das heißt, es ist ständig jemand um sie herum. Deshalb braucht sie dann mal eine längere Pause. Wir von der Alltagsassistenz müssen dann aber trotzdem weiterhin erreichbar sein – auch wenn sie uns in der Zeit noch nie gebraucht hat. Um 21 Uhr komme ich dann wieder zu ihr und bringe sie ins Bett. Das ist der schwierigste Teil an meiner Arbeit. Ich gehe erst mit ihr zur Toilette und ziehe sie um und bringe sie dann mit dem Lifter zum Bett, wo ich sie gut lagern muss. Das ist zwar anstrengend, aber es funktioniert gut, denn sie unterstützt einen dabei verbal und mit der Zeit hat man Tricks raus, wie man sie am besten anfasst dabei. Dadurch, dass meine SMA-Patientin zum Glück so klare Anweisungen gibt, was gut ist und was nicht, erleichtert sie enorm meine Arbeit. Und nach 40 Minuten ist alles erledigt. Dann muss auch alles bereitstehen: Ihr Handy und der Notrufknopf sowie die Fernbedienung für das Bett müssen in ihrer Greifnähe liegen. So kann sie bei Bedarf das Bett verstellen, denn umlagern kann sie sich selbst ja nicht. Entsprechend wichtig ist es, dass sie gut liegt und keine Druckstellen bekommt.

Besonders interessant ist die Arbeit mit meiner SMA-Klientin, weil sie sich immer wieder etwas einfallen lässt. Sie hat häufig eine To Do Liste, mit Dingen, die sie mit bestimmten Personen erleben oder erledigen möchte. Sie achtet dabei darauf, welche Tätigkeiten welcher Person besser liegen oder Spaß machen. Die Männer im Team kochen zum Beispiel nicht so gern, sodass sie das eher mit mir macht. Es gibt dann aber auch mal Tage, an denen wir einfach mal ganz entspannt einen Kaffee zusammen trinken. Sie richtet sich da total nach uns und versucht, alle gerecht zu behandeln. Es soll bei ihr keiner bevorteilt werden. Diese großartige Art an ihr weiß ich echt zu schätzen.

Ich hoffe jedenfalls, dass ich diesen Job bei ihr noch lange machen kann und ihr Gesundheitsstatus noch lange so bleibt wie jetzt. Meine Freundin, die sie schon seit zehn Jahren kennt, sagt schon, dass sich da was verändert – vor allem im Hinblick auf die Müdigkeit. Aber im Großen und Ganzen ist sie aktuell recht stabil in ihrem Krankheitsstatus.

Was man als Assistentin braucht

Man braucht für diesen Beruf Einfühlungsvermögen und eine gute Beobachtungsgabe. Denn man muss sofort sehen, was gebraucht wird wo man eingreifen kann.

Tipps für die körperlichen Anstrengungen des Berufs

Ich habe ja viele Jahre im Nachtdienst gearbeitet. Dort ist man oft allein auf Station und dann macht man eben auch Dinge alleine bei Lagerung usw., die man eigentlich nicht alleine machen sollte. Wie wahrscheinlich alle, die in Pflege arbeiten, habe ich da schon einiges verbockt rückenmäßig. Bei meiner SMA-Patientin ist der Pflegeanteil dagegen nur minimal, da es sich eher um Alltagsassistenz handelt als um Pflege.

Dennoch habe ich zusammen mit der SMA-Patientin über die Zeit bereits die ein oder anderen Tricks gefunden und das Zusammenspiel funktioniert super mit ihr. Natürlich kann man auch die Betten hochfahren, eine rückenschonende Haltung einnehmen, die man gelernt hat und so weiter – aber das funktioniert nicht immer im Alltag. Das muss man sich dann häufiger mal in Erinnerung führen. Dann ist schon mal die Fernbedienung an der anderen Seite des Zimmers und dann hat man sich doch mal schnell unvorteilhaft bewegt. Ich akzeptiere das mittlerweile einfach, wenn ich Probleme mit dem Rücken habe. Ich kenne das schon nicht mehr anders. Viele Jahre habe ich noch Sport gemacht, um dem entgegenzuwirken, aber irgendwann hat das leider auch nachgelassen. Dafür gehe ich viel spazieren. Trotzdem sollte man auch seine Muskulatur aufbauen.

Martina, Jahrgang 1967, Assistentin

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Fortsetzung folgt...

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